Buch-Rezension: Ulrike Serowy "Im Schutzraum"
- ManuelaAusserhofer

- vor 3 Tagen
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Als ich 2013 arbeitsbedingt Skogstatt (Hablizel), das Debüt von Ulrike Serowy, für eine Besprechung erhielt, war mir sofort klar, dass man von dieser Autorin noch einiges hören würde. Dort vermengten sich Black Metal und eine bittersüße Novelle zu einer eigenwilligen Mischung, die sofort mein Herz eroberte. Mittlerweile ist mit Im Schutzraum bereits ihr drittes Werk bei Edition Outbird erschienen. Nach Wölfe vor der Stadt und Highway To Hel halte ich nun also diesen Kurzroman in den Händen, der mit seinen weniger als 70 Seiten zunächst recht knapp wirkt – dessen Inhalt jedoch weit mehr Gewicht besitzt, als so manch deutlich umfangreicherer Roman.
Der Text zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Erzählperspektive aus. Die Handlung wird nicht aus der klassischen Ich- oder Er/Sie-Perspektive erzählt, sondern in einer Du-Form, in der die Lesenden direkt angesprochen werden. Formulierungen wie „Du findest dich plötzlich inmitten dieser Menschen wieder“ versetzen die Leserinnen und Leser unmittelbar in die Situation der erzählten Figur. Diese Technik erzeugt eine starke Immersion, da das Publikum nicht nur Beobachter bleibt, sondern sprachlich selbst zur handelnden Person gemacht wird. Dadurch entsteht das Gefühl, Teil des Geschehens zu sein und die Ereignisse unmittelbar mitzuerleben.
Gleichzeitig besitzt die Erzählinstanz Züge eines auktorialen Erzählers, da sie das Geschehen überblickt, strukturiert und die Lesenden durch die Handlung führt. Die Kombination aus übergeordneter Erzählinstanz und direkter Ansprache schafft eine besondere narrative Wirkung: Die Distanz zwischen Text und Publikum wird deutlich reduziert, während eine lenkende Perspektive bestehen bleibt. Gerade im Kontext der beklemmenden Bunkersituation verstärkt diese Erzählweise die emotionale Wirkung des Romans, da sie die Lesenden unmittelbar in die kollektive Ausnahmesituation hineinzieht und ihnen das Gefühl vermittelt, selbst Teil dieser erzwungenen Gemeinschaft zu sein.
Der Plot ist schnell erzählt: Wir befinden uns in den Achtzigerjahren in Köln-Kalk, zu einer Zeit, in der viele Menschen einen möglichen Atomangriff fürchten. „Du“ arbeitest in einer Postfiliale, hast gerade Feierabend und bist auf dem Weg zum Bäcker, als plötzlich ein greller Lichtschein den Himmel durchbricht und die Sirenen losheulen. Es bleibt nur eine Möglichkeit: gemeinsam mit tausend fremden Menschen in den nächstgelegenen Bunker zu fliehen. Niemand weiß, was nun geschehen wird. Zunächst müssen sich alle ihrer Kleidung entledigen, eine Dekontamination beginnt, anschließend schlüpfen alle in weiße Schutzkleidung. Vier Gruppen werden gebildet, und Personen mit bestimmten beruflichen Qualifikationen – etwa Ärzte – erhalten eine Art Sonderstellung innerhalb der Gemeinschaft. Auch „Du“ wirst zur Abteilungsleiterin deiner Gruppe bestimmt, da dir als Postangestellte ein reibungsloser Kommunikationsablauf zugetraut wird. Und du findest dich schneller mit dieser Situation zurecht, als du es dir jemals hättest vorstellen können.
Im Schutzraum geht für mich jedoch deutlich tiefer, als dieser kurze Plot zunächst vermuten lässt. Nicht nur das Setting ist düster, auch die darin verhandelten Themen entfalten eine beklemmende Wirkung. Unweigerlich musste ich beim Lesen an Die Welle von Morton Rhue denken, denn eine strukturelle Parallele erscheint mir deutlich erkennbar. In Im Schutzraum werden zahlreiche fremde Menschen in einer Extremsituation zusammen in einen Bunker gebracht und müssen dort auf engstem Raum miteinander auskommen. Um Ordnung und Überleben zu sichern, bilden sich rasch Hierarchien: Eine leitende Person übernimmt organisatorische Verantwortung, während Menschen mit bestimmten beruflichen Qualifikationen klare Rollen innerhalb der Gemeinschaft erhalten. Diese Rollen gehen mit einem gewissen Maß an Autorität einher, während die übrigen Personen sich den entstehenden Strukturen weitgehend unterordnen. So entsteht erstaunlich schnell ein funktionierendes soziales Gefüge, das Orientierung und Stabilität verspricht.
Ein ähnlicher Mechanismus zeigt sich auch in Die Welle, wenn auch in einem anderen Kontext. Während dort ein schulisches Experiment die Gruppendynamik auslöst, entsteht sie in Im Schutzraum aus der Notwendigkeit heraus, eine akute Krisensituation zu bewältigen. Dennoch verdeutlichen beide Werke, wie schnell Menschen dazu neigen, autoritätsbasierte Strukturen zu akzeptieren und sich ihnen anzupassen. Die Figuren übernehmen die ihnen zugeschriebenen Rollen und tragen dadurch selbst zur Stabilisierung der entstandenen Ordnung bei. Der Roman macht damit deutlich, wie stark menschliches Verhalten in unsicheren Situationen vom Bedürfnis nach Orientierung, Sicherheit und Zugehörigkeit geprägt ist – und wie rasch sich daraus feste soziale Hierarchien und kollektive Verhaltensmuster entwickeln können.
Der Roman thematisiert dabei zentrale Fragen von Isolation, Gruppendynamik und zwischenmenschlicher Nähe. Bereits der Titel verweist auf den „Schutzraum“ als mehrdeutiges Motiv: Einerseits steht er für einen Ort physischer Sicherheit, andererseits fungiert er als psychologischer Rückzugsraum, in dem die Figuren versuchen, sich vor einer als bedrohlich empfundenen Außenwelt zu schützen. Vor dem Hintergrund einer von Unsicherheit und Entfremdung geprägten Situation zeichnet Serowy Menschen, die sich in emotionalen oder sozialen Krisen befinden und nach Stabilität suchen. Der Schutzraum wird dabei zu einem Symbol für individuelle Bewältigungsstrategien wie Rückzug, Verdrängung oder den Versuch, Kontrolle über eine zunehmend unübersichtlich wirkende Realität zu gewinnen.
Stilistisch arbeitet Serowy mit einer reduzierten, präzisen Sprache, die sich stark auf innere Wahrnehmungen und atmosphärische Eindrücke konzentriert. Die Erzählweise ist introspektiv und von feinen psychologischen Nuancen geprägt, wodurch weniger äußere Handlung als vielmehr die Entwicklung innerer Zustände und zwischenmenschlicher Beziehungen in den Mittelpunkt rückt. Auf diese Weise entsteht eine dichte, teils beklemmende Atmosphäre, die das zentrale Spannungsfeld des Romans verdeutlicht: Während der Schutzraum zunächst Sicherheit verspricht, zeigt sich zunehmend, dass er zugleich Isolation, Bedrohung und Abschottung fördern kann.
Insgesamt überzeugt Im Schutzraum durch seine atmosphärische Dichte und die sensible Darstellung menschlicher Verletzlichkeit. Der Roman verlangt eine aufmerksame Lektüre, belohnt diese jedoch mit einer differenzierten Reflexion über Sicherheit, Angst, die Suche nach emotionalem Halt – und über die beunruhigende Kraft der Gruppendynamik. Gerade in seiner Kürze entfaltet Serowys Text dabei eine Wirkung, die noch lange nach der letzten Seite nachhallt.
Manuela Ausserhofer




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