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Buch-Rezension: Florentine Joop "Sommer im Heckenrosental"

  • Autorenbild: ManuelaAusserhofer
    ManuelaAusserhofer
  • 1. Apr.
  • 3 Min. Lesezeit

Ein Sommerroman über Freiheit, Angst und das Dazwischen


„Ich wünschte, ich könnte von weiteren überwältigenden Gefühlen erzählen, aber das überwältigendste Gefühl war immer noch die Angst.“


Mit diesem einen Satz ist bereits viel von dem eingefangen, was Florentine Joops Roman Sommer im Heckenrosental (Edition Outbird, knapp 200 Seiten) so eindringlich macht. Es ist ein Buch, das sich anfühlt wie ein warmer Augustabend: staubige Luft, flirrendes Licht, der süße Geschmack von Brause – und darunter eine leise, kaum greifbare Melancholie. Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass hier nicht einfach erzählt wird. Hier wird erinnert, vorsichtig, tastend, beinahe so, als könnten die Bilder jederzeit wieder verblassen.


Florentine Joop, die nicht nur Autorin, sondern auch ausgebildete Illustratorin ist, schreibt in einer Sprache, die sichtbar macht. Ihre Sätze wirken wie Pinselstriche, ihre Szenen wie kleine, sorgfältig komponierte Gemälde. Diese Verbindung von bildender Kunst und Literatur prägt ihr gesamtes Schaffen: Neben ihrer Tätigkeit als Malerin, Autorin, Kuratorin und Dozentin – und als Mutter von drei Kindern – hat sie gemeinsam mit Holger Much bereits poetisch illustrierte Werke wie Und wenn wir nicht gestorben sind und So weit die Flügel tragen veröffentlicht. Auch in diesem Roman zeigt sich diese besondere Bildhaftigkeit, die jede Erinnerung in eine eigene kleine Welt verwandelt.


Beschäftigen wir uns aber nun etwas ausführlicher mit ihrem neuen Roman. Erzählt wird autofiktional von einer Kindheit zwischen zwei Gegensätzen: dem wohlgeordneten Hamburger Westen und den wilden, ungezähmten Sommern in Potsdam. In Hamburg fühlt sich das kreative, neurodivergente Mädchen fremd, zu laut, zu anders für die Eliteschule, die sie besucht. Erst im Osten, bei Katja – einer zunächst unfreiwilligen Ferienfreundin – findet sie einen Raum, in dem sie einfach sein darf. Gemeinsam durchstreifen sie Wiesen, klettern auf Bäume, verlieren sich in endlosen Tagen. Diese Sommer leuchten wie Goldstaub in der Erinnerung.


Doch selbst in diesen Momenten der Freiheit liegt ein Schatten. Grenzübertritte, Passkontrollen und politische Spannungen bilden den Hintergrund dieser Kindheit zwischen zwei Systemen. Die kleinen Schikanen an den Übergängen, das heimliche Schmuggeln, die Angst vor dem falschen Wort – all das erzählt Joop in einem erstaunlich leichten, fast heiteren Ton. Gerade diese Zurückhaltung macht die Schwere umso spürbarer.


Auch innerhalb der Familie zeigen sich Brüche: die Abwesenheit des Vaters, die Überforderung der Mutter, schließlich die Trennung. Das Gefühl, nirgends wirklich dazuzugehören, zieht sich wie ein feiner, kaum sichtbarer Riss durch die Erzählung. Es ist diese leise, beständige Unsicherheit, die den Erinnerungen ihre bittersüße Tiefe verleiht.


Besonders eindrücklich gelingt Joop die Darstellung der Wendezeit. Während Mauern fallen, entstehen neue – unsichtbar, aber nicht weniger wirksam. Freundschaften verändern sich, Gewissheiten lösen sich auf, und das Heckenrosental wird zu einem Sehnsuchtsort: ein Symbol für eine verlorene und zugleich kostbare Zeit. In seiner poetischen Kraft erinnert dieser Ort nicht zufällig an die Atmosphäre von Die Brüder Löwenherz.


Trotz aller Schwere bleibt Joops Sprache warm, zart und immer wieder von feinem Humor durchzogen. Man lächelt beim Lesen – und merkt gleichzeitig, wie sich die Kehle zuschnürt. Der Roman weckt eigene Erinnerungen: an endlose Sommer, an das erste Gefühl von Freiheit, an jene flüchtigen Momente, von denen man erst später begreift, wie prägend sie waren.


Sommer im Heckenrosental ist damit weit mehr als ein Erinnerungsroman. Es ist eine leise, eindringliche Liebeserklärung an die Kindheit – und zugleich ein stiller Appell, Freiheit, Nähe und Zugehörigkeit nicht als selbstverständlich zu betrachten. Ein Buch, das nachhallt, lange nachdem die letzte Seite gelesen ist – wie das letzte Licht eines Sommertages.


Abgerundet wird das Ganze durch ein Vorwort von Castus Rabensang (Corvus Corax) sowie eine abschließende Playlist mit 34 Liedern, die dieser literarischen Reise einen ganz eigenen Klangraum verleiht.

 

Manuela Ausserhofer

 

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