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Buch-Rezension: Ewald Arenz "Alte Sorten"

  • Autorenbild: ManuelaAusserhofer
    ManuelaAusserhofer
  • 13. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Eine stille, intensive Geschichte über Freiheit, Schmerz und Heilung


Mit Alte Sorten hat Ewald Arenz einen Roman geschrieben, der leise beginnt und dennoch eine ungeheure emotionale Wucht entwickelt. Es ist kein lautes Buch, kein Roman voller dramatischer Wendungen oder großer Effekte. Stattdessen erzählt Arenz mit bemerkenswerter Ruhe und Sensibilität von zwei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und die einander dennoch besser verstehen als viele Menschen, die ihr ganzes Leben miteinander verbringen.


Die junge Sally hält ihr Leben nicht mehr aus. Nach einem Aufenthalt in einer Klinik flieht sie – vor ihren Eltern, vor den Erwartungen anderer und vor einem Leben, das nur noch aus Regeln, Kontrolle und Druck besteht. Ziellos landet sie in einem kleinen Dorf irgendwo zwischen Weinbergen, Feldern und Obstgärten. Dort begegnet sie Liss, einer verschlossenen Bäuerin mittleren Alters, die allein auf ihrem Hof lebt und arbeitet.


Liss ist anders als alle Erwachsenen, die Sally bisher kennengelernt hat. Sie stellt keine bohrenden Fragen, sie analysiert nicht, sie bewertet nicht. Sie lässt Sally einfach da sein. Vielleicht ist genau das der Grund, warum zwischen den beiden langsam ein Vertrauen entsteht, das stärker ist als viele Beziehungen, die auf jahrelangen Gesprächen beruhen. Das Schweigen verbindet sie. Beide tragen Wunden in sich, sichtbare und unsichtbare. Beide haben gelernt, sich vor anderen Menschen zu verschließen. Und beide spüren instinktiv, dass die jeweils andere versteht, ohne Erklärungen einzufordern.


Aus einer Nacht auf dem Hof werden Tage, aus Tagen Wochen. Sally beginnt mitzuarbeiten, hilft bei der Kartoffelernte, lernt alte Birnensorten kennen, versorgt Tiere, erlebt die Härte, aber auch die Schönheit körperlicher Arbeit. Gerade diese Szenen machen den Roman so besonders. Arenz beschreibt das bäuerliche Leben mit einer beinahe sinnlichen Intensität. Man riecht die Erde nach dem Regen, spürt die kalte Morgenluft zwischen den Weinbergen und schmeckt förmlich die alten Birnen, die Liss Sally probieren lässt. Die Natur ist in diesem Roman keine bloße Kulisse – sie wird zu einem Ort der Heilung und des Rückzugs.


Besonders beeindruckend ist dabei Arenz’ Sprache. Sie ist poetisch, ohne jemals künstlich zu wirken. Seine Sätze sind klar und ruhig, oft fast zurückhaltend, und gerade dadurch entfalten sie eine enorme Wirkung. Viele Szenen leben nicht von dem, was gesagt wird, sondern von dem, was unausgesprochen bleibt. Arenz vertraut darauf, dass seine Leser zwischen den Zeilen lesen können – und genau das macht Alte Sorten so intensiv. Zahlreiche Rezensionen beschreiben den Roman deshalb als „entschleunigend“ und atmosphärisch außergewöhnlich dicht.


Was mich besonders berührt hat, ist die Art, wie der Roman von Nähe erzählt. Sally und Liss retten einander nicht auf spektakuläre Weise. Es gibt keine pathetischen Geständnisse und keine kitschigen Lösungen. Stattdessen entsteht zwischen ihnen langsam ein Band aus gegenseitigem Respekt, Verständnis und vorsichtiger Zuneigung. Arenz zeigt, dass manche Menschen nicht viele Worte brauchen, um sich gegenseitig Halt zu geben.


Gleichzeitig erzählt Alte Sorten auch von Selbstbestimmung und davon, wie zerstörerisch es sein kann, wenn Menschen ständig „angepasst“ werden sollen. Immer wieder schwingt die Frage mit, ob man Menschen formen kann wie Obstbäume, die an Pfähle gebunden werden, damit sie gerade wachsen. Gerade Sallys Wut, ihre Verzweiflung und ihre Ablehnung gegenüber Erwachsenen wirken deshalb nie überzogen, sondern nachvollziehbar und erschreckend echt.

Trotz seiner ruhigen Erzählweise entwickelt der Roman eine enorme Spannung. Man möchte immer mehr über die Vergangenheit der beiden Frauen erfahren, über ihre Verletzungen, ihre Entscheidungen und die Gründe für ihre Einsamkeit. Gleichzeitig entsteht beim Lesen eine fast meditative Ruhe. Alte Sorten ist eines dieser seltenen Bücher, die man nicht einfach nur liest, sondern regelrecht erlebt.


Ewald Arenz ist mit diesem Roman ein außergewöhnlich sensibles Buch gelungen – über Schmerz und Heilung, über Freiheit, Vertrauen und die Kraft stiller Verbundenheit. Ein Roman voller Wärme und Melancholie, voller Naturbilder und leiser Wahrheiten. Und vor allem ein Buch, das noch lange nach dem Lesen nachhallt.


Wunderschön, intensiv und zutiefst menschlich.

 

Manuela Ausserhofer

 

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