Buch-Rezension: Pia Lüddecke "Das Ende der Nacht"
- ManuelaAusserhofer

- vor 11 Minuten
- 7 Min. Lesezeit

Von Glühwürmchen, Monstern und verlorenen Seelen
Es gibt Bücher, die man liest. Es gibt Bücher, die man verschlingt. Und dann gibt es jene seltenen Geschichten, die einen mit sich in die Dunkelheit nehmen und dort erst wieder loslassen, wenn am Horizont längst der Morgen dämmert.
Pia Lüddeckes „Das Ende der Nacht“ gehört für mich zu diesen Büchern.
Ich hatte die große Ehre, dieses außergewöhnliche Werk nicht nur vorab lesen, sondern auch lektorieren und auf seinem Weg zur Veröffentlichung begleiten zu dürfen. Das bedeutet zwangsläufig, dass ich sehr viel mehr Zeit zwischen seinen Zeilen verbracht habe als eine gewöhnliche Leserin. Ich habe Sätze mehrfach gelesen, Szenen auseinandergenommen, Formulierungen hinterfragt und mich intensiv mit Figuren, Motiven und Zusammenhängen beschäftigt. Normalerweise nimmt eine solche Nähe einem Roman zumindest einen Teil seines Zaubers.
Hier war das Gegenteil der Fall.
Je länger ich mich mit „Das Ende der Nacht“ beschäftigte, desto stärker wurde meine Begeisterung für diese Geschichte, ihre herrlich verschrobenen Figuren und vor allem für Pia Lüddeckes ganz eigene Art, Schönheit dort zu finden, wo andere nur Dunkelheit sehen.
Eine Journalistin, ein Mord und ein Ort, an dem die Vergangenheit nicht sterben will
Im Mittelpunkt des Romans steht Nuri Ramoska, eine junge Aushilfsjournalistin bei der Emscherpost, die schon aufgrund ihrer Vorliebe für morbide Themen nicht unbedingt dem Bild einer klassischen Lokalreporterin entspricht. Nuri fühlt sich zu Friedhöfen, alten Geschichten und allem Unheimlichen hingezogen, ist eigenwillig, neugierig, schlagfertig und mitunter derart hartnäckig, dass man ihr als Leserin am liebsten zurufen möchte, sie möge doch wenigstens dieses eine Mal auf ihren gesunden Menschenverstand hören.
Natürlich tut sie es nicht.
Als auf dem Gelände einer verfallenen Chemiefabrik eine grausam verstümmelte junge Frau gefunden wird, beginnt Nuri zu recherchieren. Schnell stößt sie auf Parallelen zu einer Mordserie aus den Neunzigerjahren. Damals verschwanden junge Frauen, Leichen wurden gefunden – und rund um das verlassene Fabrikgelände entstand eine Legende: In den Ruinen soll ein Gespenst umgehen.
Was zunächst nach einer jener Schauergeschichten klingt, die man sich nachts am Lagerfeuer erzählt, gewinnt zunehmend an Substanz.
Und dann ist da Viktor Lux.
Der geheimnisvolle Erbe von Lux Enterprises scheint mit den Geschehnissen enger verbunden zu sein, als Nuri lieb sein kann. Er ist ebenso faszinierend wie undurchschaubar, trägt seine eigenen Dämonen mit sich herum und wird für Nuri zunehmend zu einem Rätsel, bei dem sie irgendwann nicht mehr weiß, ob sie es lösen oder lieber die Finger davon lassen sollte.
Denn je tiefer sie gräbt, desto weiter entfernt sie sich von jeder vernünftigen Erklärung.
Ihre Nachforschungen führen sie in die Vergangenheit der mächtigen Unternehmerfamilie Lux, zu geheimen Experimenten, verdrängter Schuld und einer alten Chemiefabrik, deren Mauern mehr gesehen haben, als irgendein Mensch wissen sollte. Unter der Erde verlaufen vergessene Tunnel und Luftschutzstollen. Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg reichen wie schwarze Wurzeln bis in die Gegenwart. Glühwürmchen werden zu unheilvollen Boten. Tote scheinen ihre Geheimnisse nicht mit ins Grab genommen zu haben.
Und irgendwann stellt sich nicht mehr die Frage, ob es Monster gibt.
Sondern nur noch, wer oder was das eigentliche Monster dieser Geschichte ist.
Wenn aus einem Kriminalfall ein Albtraum wird
Eine der größten Stärken des Romans liegt für mich darin, wie behutsam Pia Lüddecke ihre verschiedenen Ebenen miteinander verwebt.
„Das Ende der Nacht“ beginnt mit dem Versprechen eines düsteren Kriminalfalls: eine Leiche, eine Journalistin, eine mächtige Familie, alte ungeklärte Morde. Doch beinahe unmerklich verschiebt sich die Wirklichkeit. Aus Gerüchten werden Möglichkeiten. Aus Möglichkeiten werden Zweifel. Und aus Zweifeln wächst irgendwann blankes Grauen.
Dabei lässt sich der Roman erfreulicherweise nur schwer in eine einzelne Genre-Schublade zwängen.
Krimi? Ja.
Mystery? Unbedingt.
Gothic Novel? Durchaus.
Horror? Spätestens wenn die Nacht ihre Zähne zeigt.
Aber „Das Ende der Nacht“ ist mehr als die Summe dieser Bestandteile. Pia Lüddecke erschafft daraus ihre ganz eigene Form moderner Schauerliteratur, in der sich urbane Realität, historische Schuld, schwarzer Humor, Body Horror, alte Mythen, Wissenschaft und Okkultismus gegenseitig die Hand reichen.
Besonders gelungen ist dabei die historische Ebene. Der Zweite Weltkrieg ist hier keine beliebig austauschbare Kulisse. Bombennächte, Zwangsarbeit, Luftschutzstollen und die Vergangenheit des Fabrikgeländes werfen ihre Schatten bis in die Gegenwart. Die Monster dieses Romans fallen nicht einfach vom Himmel. Sie wachsen aus menschlichen Entscheidungen, aus Gier, Machtstreben, Grausamkeit und dem Wunsch, Grenzen zu überschreiten, die vielleicht aus gutem Grund existieren.
Und gerade dadurch bekommt das Übernatürliche plötzlich eine erschreckend reale Basis.
Ein Totentanz aus Licht und Dunkelheit
Was mich an Pia Lüddeckes Roman aber vielleicht am meisten begeistert hat, ist seine Atmosphäre.
Diese Geschichte leuchtet.
Und sie leuchtet ausgerechnet in der Dunkelheit.
Glühwürmchen funkeln wie verlorene Sterne. Verlassene Fabrikhallen verwandeln sich in Kathedralen des Verfalls. Unterirdische Stollen werden zu Adern einer Vergangenheit, die noch immer unter der Gegenwart pulsiert. Feuer, Nebel, Mondlicht, Grablichter, phosphoreszierende Körper und schwarze Wälder ziehen sich durch den Roman, bis Licht und Finsternis irgendwann kaum noch voneinander zu trennen sind.
Pia Lüddecke besitzt ein bemerkenswertes Gespür für Bilder.
Ihre Sprache darf opulent sein, ohne ihre Geschichte darunter zu begraben. Immer wieder entstehen Sätze und Szenen, die man nicht nur liest, sondern beinahe vor sich sieht. Das Ruhrgebiet erscheint dabei nicht als graue Industriekulisse, sondern als moderner Schauplatz einer Gothic Novel: voller Lost Places, Friedhöfe, Ruinen, alter Industriebauten und Geschichten, die sich hartnäckig weigern zu sterben.
Und irgendwo dazwischen tanzen Glühwürmchen.
Dieses Motiv ist eines der schönsten des gesamten Romans. Licht bedeutet hier niemals einfach Hoffnung und Dunkelheit niemals ausschließlich Gefahr. Beides gehört zusammen. Das Leuchten kann locken, täuschen, schützen oder den Weg in den Abgrund weisen.
Vielleicht liegt darin überhaupt das heimliche Herz dieses Romans: Manchmal muss man sehr tief in die Dunkelheit hineinsehen, um herauszufinden, welches Licht echt ist.
Nuri Ramoska – eine Heldin, die keine sein möchte
All diese Atmosphäre wäre allerdings nur eine wunderschöne Kulisse, wenn „Das Ende der Nacht“ nicht von Figuren getragen würde, die man irgendwann partout nicht mehr verlassen möchte.
Allen voran Nuri.
Sie ist keine makellose Heldin. Zum Glück.
Sie ist neugierig bis zur Selbstgefährdung, störrisch, gelegentlich unfair, misstrauisch, morbide, verletzlich und mit einer herrlich trockenen Art gesegnet. Wo andere Menschen vor einem dunklen Tunnel davonlaufen würden, fragt sich Nuri vermutlich zuerst, ob darin eine gute Geschichte wartet.
Gerade ihre Widersprüche machen sie so lebendig.
Unter ihrer schwarzen, widerborstigen Schale steckt ein Mensch, der sich viel stärker nach Nähe sehnt, als er sich selbst eingestehen möchte. Und deshalb funktioniert auch die langsam entstehende Beziehung zwischen ihr und Viktor so wunderbar.
Denn auch Viktor ist weit davon entfernt, ein klassischer strahlender Held zu sein.
Er ist rätselhaft, beschädigt und voller Zweifel an sich selbst. Seine Familiengeschichte lastet auf ihm wie ein Fluch. Zwischen Nuri und ihm entsteht keine kitschige Romanze nach Schema F, sondern etwas viel Interessanteres: vorsichtiges Vertrauen zwischen zwei Menschen, die eigentlich hervorragende Gründe hätten, niemandem zu vertrauen.
Die leisen Szenen zwischen den beiden gehören deshalb für mich ebenso zu den Höhepunkten des Romans wie seine spektakulären Horrormomente.
Und dann gibt es natürlich noch Lu.
Über Lu möchte ich an dieser Stelle möglichst wenig verraten, weil ein großer Teil des Vergnügens darin besteht, diese Figur selbst kennenzulernen.
Nur so viel: Sie ist fantastisch.
Bizarr, exzentrisch, grotesk, verführerisch, komisch, unheimlich und vollkommen unberechenbar. Eine jener Figuren, bei denen man irgendwann nicht mehr weiß, ob man lachen, davonlaufen oder sicherheitshalber beides gleichzeitig tun sollte. Pia Lüddecke beweist gerade mit ihr, dass Horror nicht permanent bierernst sein muss, um verstörend zu wirken. Manchmal wird das Grauen sogar noch unangenehmer, wenn es lächelt.
Eine Nacht, die immer tiefer wird
Der Roman nimmt sich Zeit, sein Netz zu spinnen.
Das halte ich für eine Stärke.
Denn dadurch lernen wir nicht nur Nuri und Viktor kennen, sondern betreten gemeinsam mit ihnen Schritt für Schritt eine Welt, deren Regeln sich ständig verschieben. Lange bleibt offen, welche Erklärungen tatsächlich tragen. Gibt es das Gespenst wirklich? Steckt ein Mensch hinter den Morden? Welche Rolle spielt Lux Enterprises? Was geschah Jahrzehnte zuvor? Wem kann Nuri vertrauen? Und wie viel Wahrheit steckt in all den Legenden?
Dann zieht Pia Lüddecke die Schlinge enger.
Aus der Recherche wird eine Jagd.
Aus der Jagd wird ein Kampf ums Überleben.
Und schließlich scheint diese eine Nacht überhaupt nicht mehr enden zu wollen.
Gerade im letzten Drittel entwickelt der Roman eine enorme Sogwirkung. Schauplätze, Figuren und zuvor gelegte Spuren laufen zusammen, während gleichzeitig immer neue Türen aufgestoßen werden. Einige davon hätte man vielleicht besser verschlossen gelassen.
Mehr möchte ich über die Auflösung bewusst nicht verraten.
Nur eines: Wer glaubt, nach einigen hundert Seiten längst verstanden zu haben, welche Art Geschichte Pia Lüddecke eigentlich erzählt, sollte sich seiner Sache besser nicht zu sicher sein.
Mein Fazit
„Das Ende der Nacht“ ist für mich moderne Schauerliteratur in ihrer schönsten Form.
Ein Roman, der sich hemmungslos aus Krimi, Mystery, Gothic Horror, schwarzer Romantik, historischem Grauen und makabrem Humor bedient und daraus etwas erstaunlich Eigenständiges erschafft.
Pia Lüddecke schreibt über Monster – und stellt dabei immer wieder die viel spannendere Frage, wer die Monster eigentlich erschaffen hat.
Sie erzählt von wissenschaftlichem Größenwahn und uralten Mythen, von familiärer Schuld und persönlicher Freiheit, von Tod und Wiederkehr, von Einsamkeit und Freundschaft. Und mitten in all der Finsternis erzählt sie letztlich auch eine erstaunlich zärtliche Geschichte darüber, wie zwei verlorene Menschen einander finden können.
Ich durfte Nuri durch Wälder, Tunnel, Friedhöfe und brennende Fabrikhallen begleiten. Ich durfte mich über ihre Entscheidungen ärgern, mit ihr rätseln, mich vor ihren Monstern fürchten und mich in diese wunderbar seltsame Welt hineinziehen lassen. Und selbst nach der intensiven Arbeit am Text gab es Szenen, bei denen ich vergessen konnte, dass ich gerade lektoriere, weil ich plötzlich einfach nur noch wissen wollte, was hinter der nächsten Tür wartet.
Ein größeres Kompliment kann ich einem Roman kaum machen.
„Das Ende der Nacht“ ist düster, wild, bildgewaltig, makaber, verspielt und manchmal überraschend poetisch. Ein Roman wie ein nächtlicher Gang durch einen verlassenen Wald: Man weiß, dass man umkehren sollte. Man hört etwas zwischen den Bäumen. Man spürt längst, dass man nicht allein ist. Und trotzdem geht man weiter.
Weil irgendwo zwischen den schwarzen Ästen ein Licht flackert.
Vielleicht ist es ein Glühwürmchen.
Vielleicht ein Irrlicht.
Vielleicht etwas, das besser im Dunkeln geblieben wäre.
Aber man muss einfach wissen, was es ist.
Und wenn schließlich der Morgen kommt und die ersten Sonnenstrahlen durch die Finsternis brechen, bleibt etwas von dieser Nacht zurück.
Ein Flimmern.
Ein Schatten.
Ein kleines grünes Leuchten am Rande des Blickfelds.
Manche Bücher enden mit der letzten Seite. Andere glimmen noch lange danach in der Dunkelheit weiter.
„Das Ende der Nacht“ gehört für mich zu Letzteren.
Manuela Ausserhofer







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